Auf Hinweis eines Freundes bin ich in einer Urkundensammlung der Stadt Reutlingen auf die erste erhaltene Friedensordnung der Stadt Reutlingen, entstanden 1297 - 1300, gestoßen. Diese fand ich sehr Interessant da sie einen kleinen Einblick in das Rechtsverständnis einer Städtischen gemeinschaft erlaubt und wie mit Rechtsverstößen in dieser umgegangen wurde.
Besonders bemerkenswert ist die dominierende Rolle der Verbannung als Strafmaß. Selbst bei schwerwiegenden Vergehen wie Totschlag wurde der Täter lediglich auf Lebenszeit aus der Stadt verbannt. Dies muss eine sehr schwere Bestrafung für jemanden gewesen sein, dessen Leben, soziale Verbindungen und Schutz stark vom Status als Bürger abgehängt haben.
Da ich weder Germanist noch Experte für mittelalterliche Rechtssprache bin, handelt es sich bei der folgenden Übersetzung um eine Übertragung „nach bestem Wissen und Gewissen“ – ohne Gewähr auf philologische oder juristische Präzision:
Originaltext
Diz sint diu reht der di burger und dir burger rât von Ruthelingen hant erdaht und vesteclich gesezzet durch zuht und zefur komenne unzuht und maenige swâer fraise diu von unzuht komen mag. Disiu reht hant si haizen geshriben daz si iemer staete in dirre stat beliben und wellent daz man si ainest im iâr offentliche kunde durch daz ob ieme si der wider der rehte aim iht getüge und die büze müze laisten daz der iht gesprechen muge daz er des rehtes nit enweste.
Daz erste ist swer des andern lâgot unde man in des uber komen mag mit aim man der di rihtere dunkit daz er wol gehelfen muge der sol ain iar die stat rumen.
Swelch burger den ander haime süchit der sol die büze gen als si von alter herkomen ist und sol dar zü die stat ain halbez iär miden der stat ze büze.
Swer den totslag tüt kumt der hin da uber hant di burger gesezzet daz er niemer sedelhaft sol werden in der stat.
Und swelch man üz dem räte bitt fur den selben der sol mainaidig sin und sol niemer me an gerihte komen noch an der burger haimlichen rät.
Swâ zwên mit ainander zurnent und gein ain ander ûf varnt under ougen und ain ander blütrunsig machent mit ainer kugel eim brande mit aim staine aim stecken oder swaz ez sî susgetaner dinge der sol die stat rumen ain manot mag [mani]n des uber komen mit aim ûz der stete râte oder mit aim rihter. Ist abr daz ainr dar kumt gew[apnot m]it gewegern hant mit bedahtem müte also daz er etewas birget ain stain ainn stecken oder ain susg[etan gel]ich dinc und man in des uberkumt mit aim rihter oder mit aim der stete rât der sol ain iar di st[at miden].
Als ain geher zorn beshit in der stat so sal mans fridon der shulthaiz oder swer ûz [dem] râte da bi ist zeminst uber naht. Swer daz verseit und davon sich brichet und gât so sol man im sagen und nach rüfen daz er wizze daz er darúmbe ain manot die stat müze rumen. Gât er damit allez fur sich hin biz daz man sin nit me gesehen mag so ist er schuldig worden die stat ze rumenne ain manot.
Und swer der ist dem man also het geseit rumet er nit bi der selben tagecit die stat so ist er shuldig funf phunde haller an die stat.
Swelch burger ân edel lûte ain mezzer offentlich treit in der stat und man in des uber komen mag er entslahe sich denne mit dem aide daz ers vergezzen hete der sol ain manod die stat rumen.
Swelch burger ain mezzer verborgen treit der sol ain halbez iar die stat miden mag man ins uber komen er enwell denn swern daz ers vergaeze.
Swel burger ain mezzer verborgen treit in der hosen zim rucken ze der lincken siten oder ın susgetaner wise swie daz ist daz ist ain mort und sol den burgern ain iar die stat rumen ze bezzerunge.
Disiu reht aelliu als si hie geshriben stant sint in sogetaner vesti gesezzet und mit so grozem ernst daz swelch burger wor dekeinn der wider diu selben reht iht getüt wirbet ze kunegen ze vögten oder zu kaim gewalte uzzerthalp der burger râte daz man si an im breche und ablâze daz der sol mainaidig sin und niemer komen sol züm gerihte noch an dehainn der burger haimlichen rât.
Übersetzung
Dies sind die Rechte, die die Bürger und der Rat der Stadt Reutlingen erdacht und festgesetzt haben
zur Förderung von Zucht und zur Verhinderung von Unzucht sowie vieler schwerer Gefahren, die aus Unzucht entstehen können.
Diese Rechte haben sie aufschreiben lassen, damit sie für immer in dieser Stadt Bestand haben. Sie wollen, dass man sie einmal im Jahr öffentlich verkündet, damit jeder, der gegen diese Rechte verstößet, bestraft werden kann und sich nicht damit entschuldigen kann, er habe von diesen Rechten nichts gewusst.
Das Erste ist wer einen anderen verleumdet und man ihn dessen überführen kann durch einen Mann, den die Richter für vertrauenswürdig halten, der soll die Stadt für ein Jahr meiden.
Wer einen anderen in übelwollender Absicht heimsucht, soll die übliche Strafe zahlen, wie sie von alters her festgelegt ist, und soll darüber hinaus die Stadt für ein halbes Jahr meiden, als Strafe für die Stadt.
Wer einen Totschlag begeht, über den haben die Bürger bestimmt, dass er niemals wieder sesshaft in der Stadt werden darf.
Und wer aus dem Rat ausscheidet und gegen denselben Rat handelt, soll meineidig sein und darf niemals wieder vor Gericht erscheinen oder an geheimen Ratsversammlungen der Bürger teilnehmen.
Wenn zwei miteinander streiten und einer den anderen mit einer Kugel, einem Brand, einem Stein, einem Stock oder ähnlichen Dingen bedroht oder verletzt, soll er die Stadt für einen Monat meiden, sofern man ihn dessen überführen kann durch einen aus dem Stadtrat oder einen Richter.
Wenn jedoch jemand bewaffnet kommt mit bedachtem Mut, um etwas zu verüben – sei es mit einem Stein, einem Stock oder ähnlichen Dingen –, und man ihn dessen überführt durch einen Richter oder einen aus dem Stadtrat, soll er die Stadt für ein Jahr meiden.
Wenn ein gehender (Fremder oder Besucher?) Zorn stiftet in der Stadt, so soll man es der Schultheiß oder wer aus dem Rat der Stadt befrieden, zumindest über nacht. Wer das missachtet und sich davon macht und geht, dem soll man sagen und nachrufen das er wisse das er die Stadt für einen Monat verlassen muss. Geht er weiter, bis man ihn nicht mehr sieht, ist er schuldig, die Stadt für einen Monat zu meiden.
Wenn jemand, dem dies gesagt wurde, die Stadt nicht zur festgesetzten Zeit verlässt, ist er schuldig, fünf Pfund Heller an die Stadt zu zahlen.
Welcher Bürger oder Edelleute auch immer ein Messer öffentlich in der Stadt trägt und man ihn dessen überführen kann, soll – es sei denn, er entschuldigt sich mit dem Eid, er habe es vergessen – die Stadt für einen Monat meiden.
Wen ein Bürger ein Messer verborgen trägt, soll die Stadt für ein halbes Jahr meiden, sofern man ihn dessen überführen kann, es sei denn, er schwört, er habe es vergessen.
Wen ein Bürger ein Messer verborgen trägt in der Hose, am Rücken oder an der linken Seite, das gilt als Mordabsicht, und er soll die Stadt für ein Jahr meiden, zur Besserung.
Alle diese Rechte, wie sie hier geschrieben stehen, sind in sogetaner feste Form gesetzt und mit so großem ernst, dass jeder Bürger der gegen diese Rechte verstößt – sei es durch Klagen beim König, beim Vogt oder bei einer anderen Macht außerhalb des Bürgerrates –, damit diese Rechte an ihm gebrochen und aufgehoben werden, meineidig sein soll und niemals wieder vor Gericht erscheinen oder an geheimen Ratsversammlungen der Bürger teilnehmen darf.
Quelle
- Kreutz, Bernhard (2019). Reutlinger Urkundenbuch - Teil 1 - Die Urkunden bis 1399. Stadtarchiv Reutlingen.